Aktuell

Corona-Gedanken

Corona ist Deprivation, ein Zustand des Verlusts, der Entbehrung, ein Zustand der ungewohnten Gefahr. Manche ziehen sich zurück, andere „Tanz auf dem Vulkan“: Corona kann uns nichts anhaben, wir wollen ohne Beschränkung (Maske, Abstand) feiern! Dritte, sie können Gemeinschaft nicht entfliehen, Familien, Berufstätige. Aus Corona können sich neue Ideen und neuer Sinn bilden. Einiges davon will ich nachfolgend zeigen.

1. Quarantäne

Diese 3 Sternzeichen sind in der Quarantäne extrem faul
Bild: fizkes / Shutterstock.com. miss.at/sternzeichen-quarantane-faul/

„Willst du etwas wirklich Schweres erlernen?“, fragte Baukis ihn. „Decke dich mit Vorräten ein. Zwei Wochen sollst du dein Haus nicht verlassen.“

Die ersten Tage waren schrecklich. Notgedrungen holte er sich die Welt in sein Heim, sah Filme und Reportagen und las in dem Buch über Orpheus und Eurydike weiter. Er hatte ein schlechtes Gewissen wegen dieser unproduktiven Muße, die er sich nicht wie gewohnt durch Arbeit verdient hatte. Er könnte Dinge tun, die er bisher vernachlässigt hatte, überlegte er: seine Kochkünste verfeinern, seine rhetorischen Fähigkeiten üben, Gymnastik, meditieren, seine Gedanken aufschreiben. All das begann er, aber da es nicht seine Gewohnheit war, verlor er rasch die Lust dazu.

Seine Unruhe wuchs, er wusste einfach über längere Zeit nichts mit sich alleine anzufangen. Auch wurde er immer müder. Zuerst hatte er ein schlechtes Gewissen, wenn er später aufstand. Ab dem vierten Tag begann er sein langes Schlafen zu genießen. Warum sollte er nicht schlafen, so lange er wollte und zwischen Wachen und Traum seinen Gedanken freien Lauf lassen? Er war frei, er konnte tun, was immer er wollte.

Musik wurde zu seiner liebsten Freundin. Sie begleitete ihn beim Lesen, beim Schreiben und er brauchte sie beim täglichen Zähneputzen. Immer öfter saß er nur da und träumte. Er hatte kein schlechtes Gewissen mehr dabei. Wie er gerade Lust hatte, tat er etwas oder auch nicht und freute sich über die Ruhe, die ihm zuwuchs. Ab dem neunten Tag erfüllte ihn Leichtigkeit. Statt sich weiter vorzuwerfen, dass sein Tun keinen sozialen Wert hatte, genoss er den Luxus, sein eigener König zu sein.

Als er gerade meinte, auch als Eremit nur mit sich selber glücklich zu sein, weil er sich zunehmend als rund und ganz empfand, wuchs in ihm die Lust, die anderen zu sehen. Am 14. Tag öffnete er seine Wohnungstür. Er besuchte die anderen, nicht nur aus Angst vor dem alleine sein. (vergl. Helmut Saiger, Morgen, Freiburg 2018, S. 192ff)

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2. Renaissance der Hauswirtschaften?

Ob Feiern, Club, Fußballspiele, plötzlich sind Mitfeiernde auch Corona-Gefahrenquelle. Manche entdecken deshalb die Vorzüge des eigenen Haushalts, der eigenen Hauswirtschaft und der eigenen Selbstversorgung, z.B. Kochen, Spiele mit der Familie, Homeschooling, Lieferdienste, Fußball und Filme per Streaming … . Aber das ist ungewohnt. Gewohnt sind öffentliche und marktliche Versorgung, (Ganztages-) Kitas und Schulen, Shopping, Kino, Essen gehen … Kein Wunder, dass in vielen Familien durch das „Aufeinander-Hocken“ in der eigenen Wohnung Stress entsteht. Man ist einfach nicht mehr an längeres tägliches Zusammensein mit Partner und Kindern gewohnt und hat manchmal Fertigkeiten wie Kochen und Spielen verlernt. Vielleicht wird sich ein neues Gleichgewicht einspielen zwischen marktlicher und öffentlicher Versorgung und Eigenleistung und Zusammenleben im eigenen Haushalt.

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3. Der Mensch als Schöpfergeschöpf? Schöpfer oder Geschöpf?

Der Mensch als Schöpfergeschöpf - Gegen Zukunftsangst - Helmut Saiger
Pont du Gard, röm. Aquädukt

Ein Scheiß-Corona-Virus, Wirtschaft und unbekümmertes Zusammensein gehen in die Knie. Die einzige Hoffnung besteht in neuen Medikamenten und Impfstoff. Also in der Eigenschaft des Menschen als kreatives Schöpferwesen. Bei der Corona-Krise liegt die Betonung auf dem Menschen als kreativer Schöpfer. Bei der Umwelt-Krise in der Betonung auf den Menschen als Geschöpf, das heißt in Anpassung an die Natur. Wir sind beides: Schöpfer (Fantasie-was ist vorstellbar? Träume-was wäre schön? Werte-was soll sein? Verstand-wie könnte es funktionieren?) und Geschöpf, abhängig wie alle Lebewesen von Umweltbedingungen, die wir gewaltig zerstören, aber auch gewaltig heilen können als Mitschöpfer.

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4. Digitale Zukunft?

Corona macht es überdeutlich: Home Office, Homeschooling, WhatsApp/Skype, Lieferplattformen, e-Spiele …, die Zukunft ist digital.

Androide, also Roboter mit (fast) menschlichem Aussehen und Gebaren, sie sind als nicht biologische Wesen auch nicht von Corona-Virus bedroht, haben außerdem keine Launen und sind 24/7 einsatzbereit ohne Ermüdung. Werden sie in Zukunft zu einem zunehmenden Teil der Gesellschaft werden? Beispielsweise als Masseur*in, als Sex-Partner*in, als Reiseführer*in, als Lehrer*in, als Altenpfleger*in?

Sie haben keine Gefühle, weder Liebe, noch Solidarität. Nur von ihren Algorithmen geleitet,die ihre Dienstleistung bestimmen. Man muss sich das vorstellen: Digis, die deine geheimsten Wünsche kennen, Digis, die besser als beispielsweise ein menschlicher Richter, über Gerechtigkeit entscheiden, aufgrund ihres vernetzten umfassendes Wissens und weil sie objektiv sind ohne Gefühle. Digis, als Masseur*in oder Altenpfleger*in, gehen auf deine Bedürfnisse ein, ohne Gefühl, nur von ihrer Aufgabe nach Algorithmen gesteuert. Digitale Zukunft ist eine Zukunft ohne menschliche Gefühle. Effizient zwar, aber ohne Liebe.

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5. Expertokratie

Eine Person wird vorgeschlagen.
bundestag.de/leichte_sprache/was_macht_der_bundestag/wahl

Besonders in Krisenzeiten sehnen sich manche Menschen nach Führer*in. Beispielsweise bei Kirche, Militär, Ideologie. Seit Kirche, Militär, Ideologien an Strahlkraft verloren haben, suchen manche die Lösung aller Probleme bei (wissenschaftlichen) Experten. In Corona-Krise bei Virologen und Epidemiologen.

Man sollte dabei aber nicht vergessen: Experten kommen aus einer Fachdisziplin. Sie beschäftigen sich also nur mit einem Teilaspekt des Lebens, z.B. der wirtschaftlichen oder der biologischen Seite. Insofern können Experten nur Teilantworten geben. Sie beruhen auf (vorläufig gültigen) Thesen und ceteris paribus-Modellen.

Eine gewisse Übereinstimmung zwischen den eindimensionalen Modellen einer Fachdisziplin und der vieldimensionalen, komplexen Realität entsteht immer dann, wenn Realität selbst anscheinend eindimensional wird, weil einzelne Größen zu beherrschenden werden, typisch für eine Krise. Entsprechend sind bei einer Wirtschaftskrise eben Ökonomen gefragt und bei einer Virus-Krise Virologen.

Wenn ein Ereignis neu und ungewohnt ist, liegt wenig oder kein gesellschaftliches Wissen vor, sonst wäre es ja nicht neu. Es liegt deshalb nahe, in dieser ungewohnten und neuen Situation auf die zu hören, die sich „hauptberuflich“ mit den Ursachen des Ereignis beschäftigen. Dass man (vorübergehend) in erster Linie auf Virologen und Epidemiologen gehört hat, hat sich als positiv erwiesen.

Aber zum Schluß müssen politische und gesellschaftliche Entscheider (unter Anhörung von Experten) entscheiden. Denn die tausend Variablen, die das komplexe Leben ja ausmachen, bestehen weiterhin, z.B. bei Arbeitsplatz und Einkommen, Schule und Bildung. Man kann sie auf Dauer nicht vernachlässigen, selbst, wenn Corona-Gefahr weiter besteht. Man kann nur neue Wege suchen, die Corona-Gefahr bei der Gestaltung des (gesellschaftlichen) Lebens berücksichtigen, z.B. Social Distancing.

Ist das aber richtig? Manchmal gilt abwägen unter vielen Einflussgrößen, Virus, Wirtschaft, Bildungswesen … (sowohl als auch), als tödlich, wenn eine Einflussgröße, Corona, die Bestimmende ist, sie alle anderen Sektoren gefährdet.

Meiner Ansicht nach falsch wäre es dagegen, Experten zu neuen Führern zu erklären, z.B. in Form einer Expertokratie, und von ihnen die bessere Lösungen bei der Bewältigung des Lebens zu erwarten, wie früher beispielsweise von Kirche oder Militär (siehe auch den interessanten Artikel „Die neue Sehnsucht nach der Expertokratie“ des Philosophen Arnd Pollman).

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6. Zukunft nach Corona?

3D-Computergrafik, geradliniger Strassenabschnitt als Symbol fuer den Weg zum definiertem Ziel mit Aufschrift ZUKUNFT 3D computer graphic, straight highway section representing a path to a defined goal lettering ZUKUNFT (Future) BLWS501258 Copyright: xblickwinkel/McPHOTO/M.xGannx (imago stock&people)
Auf dem Weg in die Zukunft (imago stock&people)

Wird „Welt“ eine andere werden aufgrund der Corona-Krise? Einige geschichtliche Erfahrungen:

Die Antoninische Pest war eine Pandemie, die in den Jahren von 165 bis 180 n. Chr. nahezu im gesamten Gebiet des Römischen Reichs herrschte. Freigelassene Sklaven und Bewohner anderer Völker mussten die Lücke füllen, die an der Seuche verstorbene Soldaten und Römer hinterlassen haben. In weitgehend entsiedelten Gebieten wurden zuvor unterdrückte Stämme angesiedelt. Die von Pandemie verursachte Schwächung des römischen Reiches beschleunigte seinen Untergang.

Als Schwarzer Tod wird eine der verheerendsten Pandemien der Weltgeschichte bezeichnet, die in Europa zwischen 1346 und 1353 geschätzte 25 Millionen Todesopfer – ein Drittel der damaligen Bevölkerung – forderte. Eine funktionierende Wirtschaft konnte unter dem Eindruck der Pandemie nicht mehr aufrechterhalten werden. Arbeitskräfte starben, flohen und nahmen ihre Aufgaben nicht mehr wahr. Vielen schien es sinnlos, die Felder zu bestellen, wenn der Tod sie doch bald ereilen würde. Die Generationen konnten nach 1348 nicht einfach die sozialen und kulturellen Muster des 13. Jahrhunderts beibehalten. Der massive Bevölkerungseinbruch bewirkte eine Umstrukturierung der Gesellschaft. 

Vulkanausbrüche auf Island zwischen 1783 und 1785 brachten kalte Sommer, Missernten und Hungersnöte. Sie haben möglicherweise, so vermuten Umwelthistoriker, 1789 die französische Revolution (mit)verursacht. Naturkatastrophen und Pandemien haben also Geschichte umgeschrieben. So wie Kriege, herrschende Ungerechtigkeit und Not. Wie sollte es auch anders sein. Aber nicht nur negativ. Aus dem Niedergang des römischen Reiches schufen „Barbaren“ eine europäische Kultur. Die Pest im Mittelalter läutete mit die Neuzeit ein. Islands Vulkanausbrüche mit die französische Revolution und Aufklärung. Wir können also festhalten: Pandemien und Naturkatastrophen änderten Kultur und die Herrschaft von Völkern.

Die vorherrschenden Gene der betroffenen Menschen können sich epigenetisch zudem durch Aktivierung/Abschaltung bei tiefgreifenden persönlichen und gesellschaftlichen Erfahrungen generationenübergreifend verändern. Beispielsweise besteht die Vermutung, dass die Pest im Mittelalter oder die mehrfache Geldentwertung in Deutschland das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung auch bei nachfolgenden Generationen verändert haben. Neuere Beispiele: der 11. September oder Tschernobyl.

Niemand kann in die Zukunft sehen. Aber man kann aus Geschichte ähnliche Muster erkennen, z.B. die Suche nach Schuldigen (Verschwörungstheorien), das Bemühen den status „ex ante“ wieder herzustellen (Beruf, Konsum, Wirtschaftswachstum), die Betonung von Wegen, die man vernachlässigt hat (mehr Autonomie, weniger Globalisierung) … .

Vergangene Katastrophen (Pandemien, Kriege, Vulkanausbrüche …) wirkten besonders dann als Katalysator, wenn schon vorher Veränderungs-Ideen zur Zukunft angelegt waren, z.B. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Aufklärung, Demokratie oder Restauration: Nach der spanischen Grippe (1918-1920),die mehr Todesopfer forderte als der erste Weltkrieg, konnten sich damalige Zukunfts-Ideen (Freiheit der Künste, Emanzipation, Räterepublik …) gegenüber Restauration nicht durchsetzen. Es endete mit Hitler und dem 2. Weltkrieg. Auch heute sind neue Führer und Restauration unterwegs. Aber auch Veränderungs-Ideen: Digitalisierung, Gesundheit, Nachhaltigkeit, Umweltschutz, Zusammenhalt.

Was sind unsere Zukunfts-Vorstellungen, auf die wir nach Corona-Krise zurückgreifen können? Was malen sich unsere Fantasie aus (was ist vorstellbar?), unsere Träume (was wäre schön?), Werte (was soll sein?) und Verstand (wie könnte es funktionieren?)? Was könnte uns als kulturelle Schöpferwesen und an eine bessere Zukunft Glaubende, vom „Hocker reißen“? Besteht Zukunft nur im Verzicht (weniger Wirtschaftswachstum, weniger Konsum …) oder in etwas Neuem aufbauen?

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6 a «Auf Corona könnten die goldenen Zwanziger dieses Jahrhunderts folgen – aber erst 2024»: Der Epidemiologe Nicholas Christakis ist überzeugt, dass die Pandemie noch viel Geduld von uns verlangt

Es geht langsam. Die Fallzahlen steigen wieder. Und es geht zugleich schnell: In kurzer Zeit wurden Impfstoffe entwickelt. Das macht das Leben in der Pandemie so schwierig. Ein Gespräch mit Nicholas Christakis, Epidemiologe und Soziologe an der Yale-Universität.

Herr Christakis, Sie haben gerade ein Buch mit dem Titel «Apollo’s Arrow» veröffentlicht: wie wir in die Pandemie geraten sind und wieder herauskommen. Sie gehen in der Seuchengeschichte bis zu Homers «Ilias» zurück. Wieso «Apollos Pfeil»?

Ich bin Grieche, und die «Ilias» ist für mich Kindheitslektüre. Apollo war wütend auf Agamemnon und strafte die Griechen vor Troja mit einer tödlichen Seuche – mit seinen Pfeilen. Ich wollte die uralte Bedrohung durch solche Plagen in die Erinnerung zurückrufen. Und die alten Abwehrmittel. Heute haben wir unglaubliches Glück gehabt. Wir sind die erste Generation, die praktisch in Echtzeit, in weniger als einem Jahr, einen Impfstoff entwickelt hat, der die Pandemie zurückdrängen wird. Unsere Vorfahren mussten dagegen leiden und sterben. Aber schon sie kannten die schlichten Mittel, die auch wir nutzen: Isolierung, zu Hause bleiben und Masken.

Warum sind so viele Menschen noch immer so uneinsichtig, was die Schutzmassnahmen gegen die Krankheit betrifft – nach zwei Millionen Toten und Abermillionen von Infizierten?

Weil so viele den Eindruck haben, es sei doch verrückt, so zu leben. Aber Pandemien sind Teil der Menschheitsgeschichte, sie sind nicht neu. Seuchen sind in der Bibel, bei Homer, Shakespeare und Cervantes zu finden. Doch wenn eine Seuche zuschlägt, sind wir verblüfft und überwältigt. Covid-19 ist hochgefährlich, auch wenn das Virus nur ein Prozent der Infizierten tötet. Wir können diesen Feind nicht total bezwingen. Das nächste Virus könnte ein Viertel der Bevölkerung auslöschen. Pathogene haben ihre eigene Agenda, es kümmert sie nicht, was wir davon halten.

Wenn Seuchen typisch für unsere Spezies sind, warum hat uns Covid-19 so überrumpelt? Ist unser Gedächtnis zu kurz, oder entspricht dies einer westlichen Gefühlslage, weil wir glauben, alles heilen zu können?

Mehr das Erstere. Es geht um eine Bedrohung jenseits menschlicher Erinnerung. Wenn Politiker und Experten dann den Alarm auslösen, denkt sich der Normalbürger: Wieso, ist doch alles eigentlich wie immer? Die meisten Europäer haben keine Erfahrung mit Pandemien, so wie sie auch keine mit Kriegen und Besatzungsmächten mehr haben. Meine Mutter erinnert sich an Panzer in den Strassen während des Zweiten Weltkriegs, aber den meisten Griechen fehlen solche Erinnerungen. Wir wollen nicht von schlechten Nachrichten behelligt werden. Diese Selbstzufriedenheit speist sich aus zwei Quellen. Erstens der Seltenheit solcher Ereignisse und zweitens dem ganz normalen menschlichen Abwehrmechanismus des Verneinens. Menschen wollen grosse Probleme am liebsten ignorieren. In der Geschichte der Seuchen kann man das Verneinen und Lügen immer wieder beobachten. Wie jetzt bei Corona.

Es ist unerwartet schnell gelungen, einen Impfstoff zu entwickeln. Andererseits frisst sich Covid-19 in vielen Ländern von Welle zu Welle weiter. Was steht uns bevor?

Es gibt diesen makabren Witz unter Ärzten: Jede Blutung hört irgendwann auf, spätestens, wenn der Patient tot ist.

Das klingt wenig tröstlich.

Meine tröstlichere Antwort lautet: Eine Bevölkerung kann gegen das Pathogen immun sein, auch wenn nicht jeder Einzelne immun ist. Nehmen wir Masern. Wenn 96 Prozent der Bevölkerung dagegen geimpft sind, wird es trotz einzelnen Ansteckungen keine grösseren Ausbrüche mehr geben. Bei Sars-CoV-2 liegt diese «Schwelle der Herdenimmunität» bei etwa 50 bis 60 Prozent. Haben wir die erreicht, verfällt die Macht des Virus, auch weil dazu etwa 20 Prozent kommen, die schon Antikörper haben. Das heisst freilich nicht, dass niemand mehr erkrankt oder stirbt, sondern nur, dass die pandemische Gewalt des Virus gebrochen worden ist.

Wie kontrollieren wir das Virus am besten?

Jetzt haben wir den Impfstoff, aber wir müssen Abermillionen Dosen produzieren, verteilen, verimpfen. Mehr noch: die Menschen überzeugen, sich impfen zu lassen. Da wir mindestens 50 Prozent der Bevölkerung impfen müssen, wird das bis Ende 2021, Anfang 2022 dauern. 50 Prozent sind eine wichtige Wegmarke, aber nur das Ende der ersten von drei Phasen der Epidemie.

Also mindestens noch ein Jahr, und das ist nur Phase 1. Wie sieht die nächste aus?

Währenddessen breitet sich das Virus immer noch aus, wir leben immer noch in einer Welt mit Masken, Schulschliessungen, Reise- und Versammlungsverboten. Doch mit der Herdenimmunität steigen wir nach der ersten Phase in die nächste ein. Wir lassen den biologischen Schock hinter uns, müssen aber nun den Dreck wegräumen. Es ist wie nach einem Tsunami; das Wasser ist abgelaufen, aber alles ist kaputt. Millionen Menschen haben Jobs oder Geschäfte verloren, Millionen Kinder und junge Leute haben Unterricht verpasst. Millionen, die die Krankheit überstanden haben, sind angeschlagen. Das ist keine schöne neue Welt. Etwa fünfmal mehr Menschen, als gestorben sind, werden langfristig behindert sein. All dieser soziale, psychische, ökonomische und medizinische Schutt muss erst einmal abgetragen werden. Wenn man sich die Geschichte der Pandemien anschaut, braucht das etwa zwei Jahre. Dann schreiben wir 2023 oder später.

Das sind keine schönen Aussichten. Wie geht es weiter in Phase drei?

Ende 2023, Anfang 2024 beginnt die postpandemische Phase. Das Leben kehrt zu einer Art Normalität zurück. Es könnte sogar so aussehen wie die Roaring Twenties, die Goldenen Zwanziger des vergangenen Jahrhunderts nach der Spanischen Grippe. Nach der langen Zeit des Eingeschlossenseins werden Menschen sich in das gesellschaftliche Miteinander stürzen: in Nachtklubs, Bars, Restaurants, Theater, Kinos, Sportstadien. Sie werden wieder Geld ausgeben. Während der Pandemie hat sich die Sparquote rasant erhöht, weil die Leute Angst haben. Es könnte einen Boom sondergleichen geben, der Erfindergeist wird spriessen.

Eine erhebende Perspektive. Wo ist der Haken?

Diese frohe Botschaft setzt voraus, dass nicht neue Varianten des Virus uns abermals ins Unglück stürzen. Das wäre dann sehr bitter.

Das heisst: Wir sind nicht am Anfang vom Ende, sondern am Ende des Anfangs. Aber schon jetzt, im ersten Akt, sind die Menschen überfordert, weil sie zum Beispiel nicht mehr in die Ferien fahren dürfen.

Zurück zum Tsunami. Es braucht wie auch nach Kriegen Zeit, um die Trümmer wegzuräumen, ob das zerstörte Häuser, Pleiten oder Krankheiten sind. Dazu ist dieses Virus ein listiger Gesell. Es kann Menschen umbringen. Aber es ist nicht so furchtbar, dass es unsere volle Aufmerksamkeit bekommt. Wenn es wie die Pest 10, 20 oder 30 Prozent der Bevölkerung dahinraffte, könnten wir die Gefahr nicht so einfach wegstecken.

Das Virus, die Krankheit sind das eine. Das andere sind die Massnahmen, die dagegen getroffen werden. Menschen müssen ihr Geschäft schliessen, verlieren ihre Lebensgrundlage, ihre Stelle. Viele machen dann die Regierungen für die Wirtschaftskatastrophe verantwortlich.

Vorweg ist das Virus schuld. Volkswirtschaften sind selbst in der Antike kollabiert, wo es keine Regierungen gab, die Schulen und Restaurants hätten schliessen können. Vor mehr als 1500 Jahren notierte der Historiker Johannes von Ephesus, dass in der Zeit der Justinianischen Pest alles zum Stillstand kam, weil die Leute von ganz allein das öffentliche Leben abwürgten: Banken und Geschäfte geschlossen . . . die Stadt wie ausgestorben. Es könnte eine Beschreibung einer europäischen Stadt in Covid-19-Zeiten sein. Vielleicht waren unsere Regierungen nicht immer weise, aber sie haben die Todesrate reduziert und auch den wirtschaftlichen Schaden eingedämmt. In jedem Fall sind mehr Leben gerettet als verloren worden.

Sind Taiwan oder Neuseeland besser geführt als Italien, Grossbritannien oder Deutschland?

Asiatische Inselstaaten, auch Südkorea, haben ihre Vorzüge. Sie haben rasch gehandelt, ihre Grenzen geschlossen. Masken waren kein Problem. Anderseits sind Grossbritannien und Island auch Inseln, und sie waren sehr langsam. Manches ist einfach auch Zufall. In der Pandemie 1957 war die Sterblichkeitsrate im dünnbesiedelten Chile dreissig Mal höher als in Ägypten mit seiner hohen Bevölkerungsdichte. Jetzt wurde Italien in die Knie gezwungen, Algerien aber nicht. Warum nicht? Das Durchschnittsalter in Algerien ist 18, in Italien 47. Demografie spielt eine wichtige Rolle. Warum hat Schweden es besser, wenn auch nicht so toll, als Italien hinbekommen? Weil in Italien mehr Menschen in intergenerationellen Haushalten leben. Von Ort zu Ort gibt es Unterschiede wie Alter, Wohnen, Gesundheitspolitik. Lauter Variablen, aber manchmal ist es schieres Glück.

Wir müssen also gut geimpft die Aufräumungsarbeiten bewältigen und uns auf 2024 freuen?

Mikroben sind älter als die Menschheit. Es gibt Milliarden von ihnen, und es macht ihnen nichts aus, zu sterben. Sie können blitzschnell mutieren und unsere Verteidigungslinien durchbrechen. Gegen sie können wir eigentlich nur unseren Verstand aufbieten. Der muss sich nicht unbedingt in pharmazeutischer Aufrüstung offenbaren. Es genügen die einfachsten Waffen, zum Beispiel zwei Meter Abstand halten. Ich bin ein Optimist, der an das Gute im Menschen glaubt. Und wie der Arzt Dr. Rieux in Albert Camus’ «Die Pest» der Meinung, dass auch diese Pandemie mehr Gründe dafür zeigt, Menschen zu bewundern, als zu verachten. Schauen Sie, wie wir weltweit forschen, zusammenarbeiten und die besten Köpfe gegen Covid-19 aufbringen. Deshalb glaube ich, dass wir diese Pandemie in den Griff bekommen werden.

Nicholas A. Christakis ist Arzt und Soziologe. Er leitet das Human Nature Lab an der Yale University, wo er die Sterling-Professur für Sozial- und Naturwissenschaften innehat und Co-Direktor des Yale Institute for Network Science ist. Von ihm erschienen zuletzt «Blueprint» (S.-Fischer-Verlag) und «Apollo’s Arrow: The Profound and Enduring Impact of Coronavirus on the Way We Live» (New York, Little Brown).

Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/auf-corona-koennten-die-goldenen-zwanziger-dieses-jahrhunderts-folgen-aber-erst-2024-der-epidemiologe-nicholas-christakis-sieht-grund-zum-optimismus-aber-die-pandemie-fordert-noch-viel-geduld-von-uns-ld.1609273?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

7. Eine Zukunftsversion von dem Zukunftsforscher Horst Opaschowski:

Horst Opaschowski/Benjamin Roebe

Corona-Generation verändert Welt – Forscher erklärt neue Glücksformel

zitiert aus FOCUS-Online, Dienstag, 26.05.2020, 08:33

Zukunftsforscher Horst Opaschowski ist überzeugt, dass sich in Deutschland nach der Krise ein neues, intensives Gemeinschaftsgefühl entwickeln wird. Mehr Zusammenhalt ist laut ihm das „Krisen-Credo 2020“: Das Verlangen nach gesundheitlichem Wohlergehen wird das nach materiellem Wohlstand künftig ablösen.

Zur Jahrtausendwende dominierte in der gesamten westlichen Welt das Millenniumsfieber. Es war der Höhepunkt einer Spaß-, Single- und Wohlstandsgesellschaft. Die internationale Sozialforschung sprach seinerzeit vom „bowling-alone“-Phänomen: Jeder schob seine Kugel allein. Neun Monate vor dem „11. September“ 2001 triumphierte auch in Deutschland der Individualismus. Nur knapp ein Drittel (31 Prozent) der deutschen Bevölkerung war im Januar 2001 an einer „besseren Gesellschaft“ interessiert.

Zwei Jahrzehnte später: Ein geradezu explosiver Anstieg des Gemeinschaftsgedankens ist bei den Bundesbürgern feststellbar. Jetzt heißt es plötzlich: Wir sitzen doch alle in einem Boot; und für Egoisten ist kein Platz mehr. Der Anteil der Deutschen, der „mithelfen will, eine bessere Gesellschaft zu schaffen“, hat sich von 31 auf 83 Prozent mehr als verdoppelt, wie eine O.I.Z Repräsentativumfrage 2020 nachweist.

Die Angst vor einem Zerfall der Gesellschaft ist groß. In andauernden Krisenzeiten sehnen sich immer mehr Menschen nach einer besseren Welt, die sie der nächsten Generation hinterlassen wollen. Vor allem junge Familien machen sich mit einem Zustimmungsanteil von 92 Prozent für eine neue Mitmach- und Selbsthilfegesellschaft besonders stark. Mit diesem hohen Zustimmungsgrad ist zugleich die Sinnfrage verbunden: Wissen, wofür man lebt!

Krisen-Credo: Zusammenhalten statt Auseinanderdriften

Das Krisen-Credo 2020 lautet: Wir müssen mehr zusammenhalten – in Familie und Freundeskreis, in Nachbarschaft und Gemeinwesen. Aus Bürgersinn soll Gemeinsinn werden. Die Erfahrung des Aufeinander-Angewiesen-Seins während der Corona-Krise hat die Eigenverantwortung der Bürger gestärkt und zugleich das Verständnis von Solidarität verändert, weil die soziale Infrastruktur von der Kinder- bis zur Altenbetreuung als immer lückenhafter empfunden wurde. Über alle Generationen hinweg wird Solidarität jetzt auch als Eigenvorsorge verstanden: Für sich selbst sorgen können, um anderen nicht zur Last zu fallen.

Krisenerfahrung: Was macht ein Mensch ohne Familie?

Nach einer Ära bindungsfreier Singles und kinderloser Karrieristen stellt sich in der Krise immer öfter die Frage: Was macht ein Mensch ohne Familie? Eine Renaissance der Familie, ja eine neue Lust auf Familie steht unmittelbar bevor. Über die Verbindlichkeit sozialer Beziehungen wird neu nachgedacht. Gut zwei Drittel der Bundesbürger halten im Jahr 2020 die „Ehe mit Trauschein und Kindern“ für das „erstrebenswerteste Lebensmodell“ (Frauen: 69% – Männer: 65%) – immer unter der Voraussetzung, dass man sich eine Familiengründung auch leisten kann – materiell, mental und sozial.

Das Single-Dasein hat immer zwei Gesichter. Die einen leben allein, weil sie es wollen, die anderen, weil sie es müssen – auch ein Grund, warum Einsamkeit in Zukunft ein Regierungsthema werden kann. Nach dem gemeinsam mit dem Ipsos Institut entwickelten Nationalen Wohlstandsindex für Deutschland (NAWI-D) macht Eigentum wie Haus, Wohnung und Auto jeden zweiten Bundesbürger glücklich. Aber viel wichtiger für das persönliche Wohlergehen erweist sich der Beziehungsreichtum in der eigenen Familie.Als Generationengemeinschaft mit starken Bindungen gibt sie Sicherheit im Leben und wirkt wie eine beständige Wertanlage. Ihre Rendite heißt Lebenserfüllung. Der familiäre Zusammenhalt trägt zur Gewinnmaximierung des persönlichen Lebens bei.

Wohlstand weiter denken: Besser leben statt viel haben

In sozial und ökonomisch unsicheren Zeiten stößt das Immer-Mehr auch an seine psychologischen Grenzen. Die Menschen denken neu über Wohlstand nach: Sie gleichen materielle Wohlstandsdefizite durch Lebensqualitäten in anderen Bereichen aus. Die Krise stimmt die Menschen nachdenklicher. Die Deutschen demonstrieren Besonnenheit und nennen als individuelles Lebensziel: Besser leben statt mehr haben.

Der Verbrauchermarkt steht vor großen Herausforderungen. Er muss sich mehr mit dem Wandel von der Ökonomie des Wohlstands zur Psychologie des Wohlergehens auseinandersetzen. Die Beachtung der subjektiven Wahrnehmung wird wichtiger. Objektiv wird es nach der Krise zwar als Nachholeffekt einen wirtschaftlichen Aufschwung geben. Subjektiv aber kommt wenig bei den Verbrauchern an. Immer mehr Verbraucher halten ihr Geld zusammen, sorgen für eiserne Reserven und sparen für die eigene Zukunft. Ein neues Zeitalter der Sparmaßnahmen beginnt. Die Sehnsucht nach einem schöneren Leben bleibt erhalten, ihre Verwirklichung muss man sich auf Dauer aber auch leisten können. Eine entsprechende Kaufzurückhaltung der Konsumenten ist zu erwarten.

Die Post-Corona-Generation wird auf Dauer nicht mehr so weiterleben wie ihre Elterngeneration. Der Perspektivenwechsel vom Wohlstand zum Wohlergehen macht die Konsumfrage zur Sinnfrage: Fragwürdig wird der Konsumdreiklang von Shopping/Kino/Essengehen, in weite Ferne rücken weite Reisen und auch lebensstandardsichernde Renten sind nicht mehr sicher. Mit dem Bedeutungsverlust der dominanten Konsumorientierung des Lebens kommt es zu einer Verschiebung der Lebensprioritäten: Gut leben statt viel haben, vorsorglich sparen statt verschwenderisch mit Geld umgehen und den neuen Zeitwohlstand und Beziehungsreichtum genießen.

Die Glücksformel in Bertolt Brechts Dreigroschenoper – „Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm“ – wird erweitert und neu bewertet. Wohlstand wird zu einer Frage des persönlichen und sozialen Wohlergehens. Wohlstand kann auch bedeuten, weniger Güter zu besitzen und doch besser zu leben.

Gesundheit so wertvoll wie Geld: Charité so wichtig wie VW?

Die Krise auf den Punkt gebracht: Ohne Gesundheit ist fast alles nichts wert. Die Gesundheit wird zum Megamarkt der Zukunft. Es boomen Bio- und Gentechnologien, Pharmaforschung und Forschungsindustrien gegen Krebs, Alzheimer und Epidemien sowie gesundheitsnahe Branchen, die Care, Vitalität und Revitalisierung anbieten. Der Megamarkt Gesundheit einschließlich Pflege, Reha und Gesundheitssport wird in den nächsten Jahren zum Wachstumsmotor Nr. 1: Größer als die Automobilindustrie und vor allem personalintensiver.

Gesundheit wird zum neuen Statussymbol und verdrängt die dominante Konsumhaltung im Leben. Infolgedessen wird der Systemcharakter des Gesundheitswesens immer bedeutsamer. Das Gesundheitsministerium wird so wichtig wie das Wirtschaftsministerium, die Charité so wichtig wie VW. Die Entdeckung des Megamarkts Gesundheit hat gerade erst begonnen. Pfleger und Ärzte werden als Helden des Alltags gefeiert. Sie können in Zukunft die neuen Heiligen in Deutschland sein, weil die Gesundheit beinahe Religionscharakter bekommt? Und immer öfter wird die Frage gestellt: Was sind wirklich wertvolle Berufe?

Ein Großteil der Bevölkerung will sich trotz Krise ihre Freude am Leben nicht nehmen lassen. Sie setzt darauf, dass in naher Zukunft alles wieder gut wird. Die „German Angst“ ist von gestern. Und das positive Lebensgefühl siegt über eine vermeintlich „deutsche Depression“. Die Politik wird mehr auf diese Positiv-Potentiale der Bürger setzen, insbesondere bei der Jugend. Die Krise wird zur Chance, wenn die Politik darauf vertraut, dass die Bürger in der Lage sind, ihr Leben selbst zu meistern und an der Schaffung einer besseren Gesellschaft mitzuwirken.

Der Autor: Der Zukunftsforscher Horst Opaschowski gilt international als „Futurist“ (Xinhua/China) und „Mr. Zukunft“ (dpa). Er ist Gründer und Leiter des Hamburger Opaschowski Instituts für Zukunftsforschung (OIZ) und führt regelmäßig Repräsentativumfragen und Studien zur Entwicklung in Deutschland durch. Aktuelles aus seiner Arbeit veröffentlicht er auf seinem Twitter-Account.“

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8. Corona-Tagebuch

30.09.2020: Inzwischen dauert Corona-Pandemie ein halbes Jahr. Leichtsinn vermehrt sich.

Da fällt mir eine Geschichte ein: „Ein schlafender Mensch. Stechmücken trauen sich zu stechen, da er sich nicht wehrt. Immer mehr Stechmücken schwirren dazu. Sie bauen auf dem schlafenden Mensch eine Infrastruktur ihres Vergnügens und ihrer Bedürfnisse: Blutzapf-Tankstellen, Blut-Kneipen und Bars, Läden und Puffs … Da schlägt ein Blitz, Gottes Finger oder Natur, auf sie hinnieder. Die Ausschweifenden und Blut-Besoffenen versammeln sich reuevoll in Kirche, demütig das Haupt gesenkt. Gottes blitzender Zeigefinger zuckt auf sie ein. Die erste Stechmücke erhebt ihr Haupt. Sie sticht in Gottes Finger.“

30.10.2020: Die Infizierten-Zahlen steigen progressiv in ganz Europa. In einigen Ländern ist das Gesundheitswesen total überlastet. Nun geht es hart zur Sache in Deutschland: Außer Bildungswesen und Wirtschaft wird alles geschlossen: Gaststätten und Hotels (für Tourismus), Freizeiteinrichtungen wie Theater, Kinos, Schwimmbäder, Sportvereine …. Bei Einzelhandel höchstens ein Kunde/10 qm. Bei Treffen im öffentlichen und privatem Raum max. zehn Personen aus zwei Haushalten. Obwohl 3/4 der Bevölkerung dem zustimmt, tun sich zunehmend Proteste auf gegen die Beschränkungen und die „Notregierung“, vorbei am Parlament.

Lockdown gilt erst einmal im November. Was ist aber bei anschließenden Lockerungen zum Weihnachtsfest und Neujahr? Geht dann das Ganze von vorne los, in einer dritten Welle? Welches Versprechen können Impf-Forschungen geben? Nur noch ein halbes Jahr aushalten oder mehrere Jahre?

Gleichzeitig tun sich neue Formen des gemeinsamen Erlebens auf: Veranstaltungen wie in Autokinos; Home-Veranstaltungen und Veranstaltungen ohne Zuhörer, die über das Internet übertragen werden …

Auch nutzen einige das Corana-Virus und Quarantäne in der eigenen Wohnung für Nachdenken, was wirklich, wirklich wichtig ist.

Wie entsprechende Handelsumsätze zeigen, wollen eine Vielzahl ihre eigene Wohnung empowern als Herd der Familie (Konjunktur der Möbel- und Geräteanbieter, der Baumärkte und Gartencenter…). Der Online-Handel und Zulieferer-Dienste verzeichnen Konjunktur. Digitale Kommunikation wie WhatsApp verzeichnen Zuwächse. Ebenso die Autoindustrie, der öffentliche Nahverkehr verzeichnet sinkende Kundenzahlen. Die Leute geben weniger aus. Die Geldanlage an den Börsen steigt.

Es gibt eine Sehnsucht nach dem Vor-Corona.

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30.11.2020: Verschiebt Corona das Verhältnis von Glück aus sozialen Beziehungen zu Glück aus Alleinsein?

Der Mensch ist ein soziales Wesen. In Kontakten zu anderen, Partner*in, Familie, Freunden, Gleichgesinnten liegt deshalb sein erstes Glück. Das sagt übereinstimmend die Glücks-Forschung.

Zu Corona-Zeit gilt aber: Kontakte mit anderen reduzieren! Am besten zu Hause bleiben! Wenn es nicht anders geht, Abstand wahren und Maske aufsetzen! Andere sind potentielle Gefahr!

Kein Wunder, dass die Medien von Leid aus Einsamkeit erzählen, bei Alten ebenso wie bei Jungen. Es wird meiner Vermutung nach aber nicht all zulange dauern, bis die ersten Medien das Glück aus Alleinsein entdecken und abwechselnd die Oberflächlichkeit oder die Kompliziertheit von sozialen Kontakten beklagen. Ratgeber-Autoren werden sich aufmachen mit Antworten, wie man allein glücklich ist, z.B. mit Fähigkeiten und Interessen, die man allein ausführen kann.

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14.12.2020: Nachhaltige Lösungen?

Ab dem 16.12. (bis vorerst 10.01.) gilt ein harter lockdown, nachdem der zuvor gewählte light lockdown die Infektionszahlen hat explodieren lassen. Covid-19 ist inzwischen die dritthäufigste Todesursache.

Aber kann man einen harten lockdown, in dem Schulen und Geschäfte mit Ausnahmen schließen müssen, durchhalten, bis mehr als 60% der Bevölkerung geimpft ist? Nein! Kann man harter und light lockdown abwechselnd eingehen? Nein!

Deshalb schallt der Ruf zunehmend nach nachhaltigen Lösungen. Bestandsaufnahme der Ideen dazu:

  1. Besonders gefährdete Gruppen (60+, Risiko-Gruppen) schützen und sich auf sie konzentrieren: FFP2-Masken an sie verteilen, Corona-Schnell-Tests bei Begegnungen, Einkaufs-Dienste, Taxis finanzieren, die sie vor ÖPNV-Gefahr schützen; 2. Homeschooling und Home Office ausbauen, Präsenznotwendigkeit reduzieren, Schichtbetrieb; 3. Eine neue App, die Nachverfolgung per GPS sicherstellt, Verpflichtung, in die APP Infizierung einzugeben; 4. Ausgangssperren von 20:00 – 05:00 Uhr; 5. Impfpflicht/Impfnachweis als Teilnahmevoraussetzung; 6. Corona-Hotspots isolieren …

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14.1.2021

Diskussion: Sollen diejenigen, die sich geimpft haben, Sonderrechte haben, z.B. einkaufen, ausgehen, in Urlaub fahren? Ist eine Impflicht angesagt, z.B. für Pflegepersonal, Lehrer …?

Wie sehr verändert Corona Zukunft? Verbreitet sich körperlose Digitalisierung? Tritt Ökologie und Klimaschutz in die zweite Reihe? Besteht angesichts von Corona-bedingte Einschränkung von individuellen Freiheitsrechten, die Tendenz zum autoritärem Staat? Gibt es eine Renaissance der privaten Hauswirtschaft, des selber Tuns, Kochen, Spiele …? Veröden Einkaufsstraßen?

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12.04.2021: Das römische Reich kannte Friedens-Consuln und Kriegs-Consuln. In Deutschland wird voraussichtlich die Bundesregierung gegenüber Föderalismus gestärkt für Einheitlichkeit der Corona-Abwehr und einschneidende Maßnahmen, z.B. Ausgehverbot. Man kannte es früher als Notstandgesetze.

Andererseits geht es voran: Impfen wird beschleunigt. Tests zunehmend flächendeckend. Nachdem 70 + in großer Zahl geimpft sind, steigt die Zahl der Jüngeren, die schwere Verläufe zeigen aufgrund der England-Mutation. Auch stellen Ärzte fest, dass Corona schwerwiegende Spätfolgen hat. Es wächst die Angst, dass Corona-Viren sich so verändern, dass vorhandene Impfung wirkungslos ist. Hoffnung und Angst halten sich die Waage.

Ich wurde letzten Samstag geimpft. Es war ein Hurra-Gefühl. Gleichzeitig wurde ich mir noch mehr bewusst, wie abhängig ich von anderen Menschen bin.

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